geld oder leben


Globale Firmenstrategien in Greifswald unter der Lupe  

Am Freitag, den 12.12.2003, startete die Globalisierungs Workgroup Greifswald eine Aktion, die auf die Missstände in den "Produktionsabteilungen" großer Firmen und Ketten aufmerksam machen sollte. Die Gruppe von ca. 20 Leuten, darunter auch einige vom Lokalfernsehen MoritzTV, wurde bald um zwei auf konstanten Abstand bedachte Polizisten erweitert. Die Stationen waren das Tschibo-Geschäft, Intersport, die Deutsche Bank, H&M, sowie der Ökomarkt und der Öko-Laden Keimblatt, der Eine Welt Laden und die Food Coop. Mit Vorträgen und Flugblattaktionen wurde auf Dumping, Menschenrechtsverletzungen am Arbeitsplatz und korrupte Machenschaften großer Konzerne hingewiesen. Zudem wurden mit den 4 letztgenannten Stationen verschiedene Alternativen aufgezeigt.
In allen "belasteten" Geschäften wurde ziemlich bald oder gleich bei Beginn das Bild, kurz darauf auch das Wort verboten, sodass fast alle Vorträge vor dem jeweiligen Eingang des Geschäftes gehalten werden mussten.

 

Europäisches Sozialforum in Frankreich
Drinnen und draußen in Paris/St-Denis 16.11.03



Ich war Dienstag bis Samstag da. Mit der Ruhe eines 'Besuchers' konnte ich nicht dabei sein, weil ich zum echt beachtlichen Haufen freiwilliger Helfer gehörte und damit so gut wie gar nichts anderes getan habe als arbeiten, und zwar richtig, aber ich war da und habe natürlich auch Eindrücke gesammelt und die eine oder andere interessante Sache mitgekriegt. Räumlich bin ich überhaupt nicht 'rumgekommen, alles, was ich erlebt habe, hat sich im Pariser Vorort St. Denis abgespielt. Obwohl die schon in anderen Beiträgen thematisierten, zweifelhaften Vorgänge im Hintergrund der diesjährigen ESF-Organisation auch die Geschichte der Wahl dezentral gelegener Orte tangieren, fand ich es nicht schlecht, dass es so war, also weg vom Zentrum. Wegen der Bevölkerung. Zumindest in St. Denis.
St. Denis ist ein Armenviertel, noch ärmer sind die unmittelbar hinter ihm gelegenen Stadtrandsiedlungen. Ich trat, wie auch immer ich dazu kam, während dieser kurzen Zeit vielfach mit den Bewohnern dieser Viertel in Kontakt. Ich kann nur sagen, dass ich diese Leute schnell immer mehr im Herzen getragen habe. (Muss allerdings sagen, dass es nicht meine erste nähere Begegnung mit dieser Welt war und dass ich um die französischen Banlieues weiß, was mir die Kommunikation erleichterte). Am ESF waren die Bewohner der sozialen Brennpunkte vom Ballungsraum Paris jedenfalls nicht beteiligt, viele checkten erst am Dienstag, als es offiziell losging, was ihnen ins Haus stand, aus den Medien und aus dem regen Treiben in den Gassen und Straßen und Bussen und Bahnen. Für viele war das alles, was da plötzlich aus dem Nichts tauchte, noch am vorherigen Wochenende total unklar.
Noch am Dienstag musste ich vielen das ganze Ding mit dem ESF überhaupt erstmal erklären, am Mittwoch war das schon ganz anders. Die "Altermondialistes", wie auch immer, in allen Köpfen, von heute auf morgen, das war schon beeindruckend. Die Wahrnehmung des ESF seitens der Menschen, die St. Denis ihr 'Quartier' nennen, scheint ausgesprochen intensiv gewesen zu sein, zumindest soweit ich das erfassen konnte, auch wenn sie ganz klar komplett draußen geblieben sind. Jedenfalls hat es mich tief berührt, wie freundlich, höflich und solidarisch alle Menschen waren, denen ich begegnet bin, Männer und Frauen verschiedenen Alters und aus verschiedenen Kulturgemeinschaften, die mir übrigens oft, wenn wir uns verabschiedeten/sich unsere Wege trennten, noch schnell gesagt haben: 'Ich werde auf der Demonstration sein'. Jedes Mal freute ich mich natürlich, aber ich konnte nicht wirklich glücklich sein, weil sie ja sonst vollkommen draußen waren.
Die Demo war ja nicht zuletzt die einzige wirklich offene, weil kostenlose Veranstaltung des Treffens, und ein Stück weit auch die einzige für Außenstehende ziemlich eindeutig identifizierbare. Die Besucher des Treffens waren gut versorgt mit detaillierten Programmheften, nicht aber die Menschen dort. Die haben maximal aus den Medien von der Demo erfahren und sicher auch öfter mal hier und dort mal ein Flugi, mal ein Infoblatt, mal einen Aufkleber aufgelesen und sich langsam ein Bild von diesen "Altermondialistes" machen können. Aber in den großen und kleinen Sälen und Hallen und Zelten, in denen das Treffen statt fand, sind sie nicht gewesen, das steht fest. Klar hat der alles andere als erschwingliche Eintrittspreis eine Beteiligung der Bevölkerung nicht gerade gefördert, es gilt vielmehr das Gegenteil. Aber blind sind die Leute nicht. Von den inneren Widersprüchen dieser Bewegung der Bewegungen haben sie nach wie vor keine Ahnung, aber der Begriff einer anderen Welt, die zu befürworten wäre, ohne Armut, Verfolgung, Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit und Kriege, der ist bei vielen irgendwie als Merkmal des Treffens angekommen und offenbar positiv aufgenommen worden. Sei es, dass ich nicht wusste, wie ich von A nach B komme, sei es, dass ich auf dem Weg von A nach B zu Fuß und schwer beladen war, oft habe ich Strecken mit Einheimischen zurückgelegt, mit denen dann richtige Gespräche entstanden sind, die mir ziemlich stark das Gefühl des Zuspruchs der Menschen dort gegeben haben. Ein meist nur leise gezeigter, aber sehr authentischer Zuspruch, weil sie logischerweise ein tiefes Bewusstsein dafür besitzen, dass Gerechtigkeit mehr als nötig wäre, um besser leben zu können. Die Gerechtigkeit, die sie aus der ureigenen Lage heraus zutiefst legitimiert sind, sogar richtig sehnsüchtig herbeizuwünschen. Ein Zuspruch, der vielleicht leise blieb, weil sie zu gut um ihr Dasein wissen, um wirklich hoffen zu können, aber es war ein Zuspruch. Ansonsten ist die Bevölkerung aber draußen geblieben, die Armen mit oder ohne Papiere, die da leben, waren nicht dabei. Zwischen ihnen und dem Happening an sich waren/sind und bleiben dennoch immer noch Welten und natürlich auch die Eintrittspreise sowie der Zugang zu Informationen. Obdachlose haben während der ESF-Tage an verschiedenen Orten kleine Flecken öffentlichen Raumes belegt und auf Transparenten gefragt, was aus ihnen werden soll, auf einem großen weißen Tuch auf dem Marktplatz stand etwa: 'Während das Soziale Forum Statt findet, sind wir hier ohne einem Dach über dem Kopf. Was halten sie davon?'. Ich habe mich ein Paar Mal gefragt, wie viele Forum-Besucher die soziale Situation der Bewohner von St. Denis und Hinterland wahrgenommen haben. Ich habe diese Leute in den Gassen von St. Denis und noch mehr dort, wo ich gewohnt habe, noch weiter draußen, gesehen. Ich nahm sie das erste Mal richtig heftig wahr, als ich relativ spät abends auf der Suche nach meiner "accomodation" im tiefen Hinterland von St. Denis (Pierrefitte) war. Es stand wohl ein Sperrmülltag bevor, vor den kleinen Häusern in diesen kaum beleuchteten Straßen stieß man gelegentlich auf irgendwelche Gebilde aus altem Gerät und meist nicht mehr vollständigen Mobiliarteilen. Nichts Wertvolles, so was gibt es dort wohl kaum. Die Straßen wirkten wegen der totalen Stille, dem Nebel und der Dunkelheit richtig verlassen, und waren doch voller Leben. Die Ärmsten der Armen dort waren alle auf den Beinen und suchten völlig lautlos die Sperrmüllhaufen ab. Eine ganze schwarzafrikanische Familie, die offenbar Möbel brauchte und voll in Aktion war, zwei Straßen weiter drei arabische Kinder, die Küchengerät mit sich trugen und mit Augen, die nie still standen, nach weiterem Sperrmüll suchten. Sie hielten Pfannen in ihren Händen, einen Topf, eine alte Plastikschüssel, einen abgewetzten Ordner. Noch mal um die Ecke, eine kleine Gestalt mit einem ebenso kleinen Handwagen, die offenbar Brennholz sammelte. Und so weiter. Ein Haufen Leute, richtig am Arbeiten, im Dunklen dieser Straßen. Überall, und so viele. Von denen dort hinten hat keiner das mit dem ESF mitgekriegt, es sei denn ganz am Rande, über die Medien oder über Freunde und Verwandte aus dem angrenzenden St. Denis. Dort war schon mehr 'Berührung' mit dem ganzen Happening, wenigstens im öffentlichen Raum. Das sind die Eindrücke, die ich 'draußen' gesammelt habe. Bei aller Freude über die wahnsinnige Freundlichkeit und den Zuspruch, die mir entgegengebracht wurden, habe ich Anlass gehabt, schwer zu trauern, ich fühlte mich jedes Mal schlecht, wenn ich die kleinen Spaliere der zur Kontrolle der Zugangsberechtigung abgestellten Leute passierte und drinnen bestenfalls und grundsätzlich eher selten, mal hier mal da Delegierte aus den Welten, die aus Armut und Entbehrungen gemacht sind fand; ich habe viel an die Menschen, die ich getroffen hatte gedacht, von denen manche durchaus gerne mehr hätten wissen wollen, aber einfach nur "draußen" waren und denke natürlich immer noch an sie, und auch an die Delegationen, die im Rahmen des Treffens mit dem Schwerpunkt "lokale Foren" zusammen gekommen sind, weil diese am ehesten, soweit ich das wahrnehmen konnte, den anderen nahe stehen, die draußen sind. Die haben heute ihr Abschlusstreffen, Ergebnisse hiervon werde ich posten, sobald ich sie bekomme, jemand will mir was zuschicken. Abgesehen von letzterer Nachricht, soviel zu St. Denis. Eindrücke von "drinnen" dann beim nächsten Mal.

Bilder und Text gefunden unter de.indymedia.org


100.000 auf Demonstration gegen Sozialkahlschlag
Berlin, 1.11.2003


Ein voller Erfolg wurde die Demonstration "Es reicht! Alle gemeinsam gegen Sozialkahlschlag!" am 1.11.2003. Bereits zum 20.10.2003 wurde zu einem dezentralen Aktiontag aufgerufen, an dem sich auch Rostocker und Rostockerinnen beteiligten. Endlich waren sich auch die Medien einmal einig: Sowohl die Tagesschau, die Berliner Morgenpost und auch oppositionelle Medien, wie Indymedia, gaben die Teilnehmerzahl mit 100.000 an. Gerechnet hatten die Veranstalter mit nur 10.000 Leuten. Damit wächst der Widerstand gegen die unsoziale Regierungspolitik. Entgegen der Propaganda erkennen immer mehr, dass die geforderten Einschnitte lediglich von Lohnabhängigen und sozial Schwachen hingenommen werden sollen, und mit den Einsparungen die Gewinne bei den Unternehmen erhöht werden.
 
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